Topische Retinoide werden häufig zur Behandlung milder bis moderater Akne eingesetzt, gelten jedoch aufgrund der bekannten Teratogenität systemischer Retinoide traditionell als kontraindiziert in der Schwangerschaft. Eine große nordische Kohortenstudie liefert nun differenzierte Daten zur tatsächlichen Risikobewertung. Auf Basis von Registerdaten aus Dänemark, Norwegen, Schweden und Island wurden fast 3,9 Millionen Geburten analysiert. Parallel zeigte sich, dass die Anwendung topischer Retinoide bei Frauen im gebärfähigen Alter in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat – von 8,7 pro 1000 im Jahr 2006 auf 28,5 pro 1000 im Jahr 2024. Entscheidend ist jedoch die Sicherheitsanalyse: Eine Exposition im ersten Trimenon war nicht mit einem erhöhten Risiko für schwere kongenitale Fehlbildungen assoziiert. Die Rate lag bei 3,3% in der exponierten Gruppe gegenüber 3,0% bei nicht exponierten Kindern (adjustierte Risikoratio 1,1). Auch im Vergleich zu anderen topischen Therapien wie Azelainsäure oder Clindamycin ergab sich kein erhöhtes Risiko. Die Ergebnisse stellen die bisherige strikte Vorsicht gegenüber topischen Retinoiden in der Schwangerschaft teilweise infrage. Dennoch ist Vorsicht geboten: Die Analyse umfasst nur Schwangerschaften mit Lebendgeburten, sodass mögliche Risiken wie Frühaborte oder schwere Fehlbildungen mit Schwangerschaftsabbruch unterschätzt sein könnten. Für die Praxis bedeutet dies, dass unbeabsichtigte Expositionen möglicherweise weniger kritisch sind als bislang angenommen – eine generelle Anwendungsempfehlung in der Schwangerschaft lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. Die Daten unterstützen vielmehr eine differenzierte, risikoadaptierte Beratung betroffener Patientinnen.
Quelle:
Br J Dermatol. 2025 Dec 9:ljaf500. http://doi.org/10.1093/bjd/ljaf500.
Topical retinoid use in women of reproductive age and risk of major congenital malformations in exposed pregnancies - a Nordic cohort study.
Refsum E, Furu K, Cesta CE, Nørgaard M, Wittström F, Zoega H, Ulrichsen SP, Cohen JM.