Newsblog
Nov. 07 2026
Low-Grade-Schweißdrüsenkarzinome: Morphologie, Immunhistochemie und Molekulargenetik ermöglichen eine präzisere Diagnostik (NEWSBLOG 2026)
Primäre kutane Adnexkarzinome sind seltene und biologisch heterogene Tumoren, deren morphologische Überlappungen erhebliche diagnostische Schwierigkeiten verursachen können. Eine aktuelle Übersichtsarbeit stellt sieben wichtige niedrigmaligne Schweißdrüsenkarzinome gegenüber: das mikrozystische Adnexkarzinom (MAC), das syringoide ekkrine Karzinom (SEC), das primär kutane adenoid-zystische Karzinom (PCACC), das sekretorische Karzinom, das primär kutane apokrine cribriforme Karzinom (PCCAC), das primär kutane muzinöse Karzinom und das neuroendokrine muzinproduzierende Schweißdrüsenkarzinom. Entscheidend für die korrekte Zuordnung ist die integrierte Bewertung von Architektur und Zytomorphologie, Immunphänotyp und – in ausgewählten Fällen – molekulargenetischen Veränderungen. Als diagnostisch hilfreiche Konstellationen nennen die Autoren unter anderem Ber-EP4-Negativität bei EMA-Positivität beim MAC, K77-Expression beim SEC sowie CD117- und MYB-Expression beim PCACC. Beim sekretorischen Karzinom kann eine pan-TRK-Expression auf die charakteristische ETV6::NTRK3-Fusion hinweisen. Weitere tumorspezifische molekulare Veränderungen umfassen unter anderem MYB::NFIB beim PCACC sowie TP53-/JAK1-Alterationen in Teilen des Spektrums. Diese Differenzierung besitzt unmittelbare therapeutische Bedeutung: Tief infiltrierende und entlang von Nervenstrukturen wachsende Tumoren erfordern eine konsequente lokale Tumorkontrolle, wobei insbesondere bei entsprechenden infiltrativen Entitäten die mikrografisch kontrollierte Chirurgie beziehungsweise Mohs-Chirurgie eine wichtige Option darstellt. Beim fortgeschrittenen sekretorischen Karzinom eröffnet eine NTRK-Fusion darüber hinaus die Möglichkeit einer zielgerichteten Therapie mit TRK-Inhibitoren. Eine zentrale praktische Botschaft betrifft bereits die Materialgewinnung: Oberflächliche Biopsien können die charakteristische tiefe Architektur dieser Tumoren unzureichend erfassen und dadurch Fehlklassifikationen begünstigen; empfohlen wird deshalb eine ausreichend tiefe Vollhautbiopsie. Die Arbeit verdeutlicht zugleich, dass einzelne immunhistochemische Marker nicht isoliert diagnostisch interpretiert werden sollten. Erst die Kombination aus Morphologie, einem gezielten Antikörperpanel und gegebenenfalls molekularer Diagnostik ermöglicht eine belastbare Abgrenzung dieser seltenen Adnexkarzinome und kann sowohl das operative Vorgehen als auch den Einsatz zielgerichteter Therapien beeinflussen.
Quelle:
Am J Dermatopathol. 2026;48(8):569-583. http://doi.org/10.1097/DAD.0000000000003163
Low-Grade Sweat Gland Carcinomas: A Review-A CME Article.
Harnisch K, Kalmykova A, McKee P.
Nov. 06 2026
Zirkulierende Tumor-DNA beim Melanom: Biomarker für minimale Resterkrankung, Rezidivrisiko und Therapiemonitoring (NEWSBLOG 2026)
Die Analyse zirkulierender Tumor-DNA (circulating tumor DNA, ctDNA) entwickelt sich zu einem vielversprechenden Instrument für Prognose, Risikostratifizierung und Therapiemonitoring beim malignen Melanom. Konventionelle Verlaufsparameter wie Bildgebung, LDH und S100B besitzen insbesondere bei geringer Tumorlast nur eine begrenzte Sensitivität und Spezifität. ctDNA ist der tumorspezifische Anteil zellfreier DNA im Plasma und ermöglicht als „Liquid Biopsy“ einen minimalinvasiven molekularen Einblick in die Tumorerkrankung. Von besonderem Interesse ist der Nachweis einer minimalen Resterkrankung (minimal residual disease, MRD) nach lokaler oder systemischer Therapie: Persistierende oder erneut nachweisbare ctDNA kann auf verbliebene Tumorzellen beziehungsweise ein molekulares Rezidiv hinweisen, bevor eine Progression klinisch oder bildgebend manifest wird. Darüber hinaus können longitudinale Veränderungen der ctDNA die Tumordynamik unter Therapie abbilden und potenziell früher als konventionelle Verfahren Hinweise auf Ansprechen oder Progression liefern. Die technischen Möglichkeiten reichen inzwischen von hochsensitiven Tests auf einzelne bekannte Mutationen bis zu personalisierten Next-Generation-Sequencing-Verfahren (NGS); neuere multimodale Ansätze beziehen zusätzlich DNA-Methylierungsmuster und die sogenannte Fragmentomik ein. ctDNA kann außerdem die klonale Evolution eines Melanoms und potenziell therapeutisch relevante genomische Veränderungen erfassen. Klinische Studien liefern zunehmend Hinweise darauf, dass sowohl der ctDNA-Nachweis als auch Veränderungen der ctDNA-Konzentration prognostische und möglicherweise prädiktive Informationen im neoadjuvanten, adjuvanten und metastasierten Setting bieten. Besonders attraktiv erscheint die Möglichkeit, Patienten nach kurativer Therapie anhand molekularer Resterkrankung präziser zu stratifizieren und die Intensität von Nachsorge oder systemischer Therapie zukünftig stärker am individuellen Rezidivrisiko auszurichten. Trotz der raschen technologischen Entwicklung ist ctDNA beim Melanom jedoch noch kein universell standardisierter Ersatz für etablierte klinische und bildgebende Verfahren. Unterschiedliche Assays, niedrige ctDNA-Konzentrationen bei geringer Tumorlast sowie Unterschiede der DNA-Freisetzung zwischen Tumorlokalisationen erschweren die Interpretation. Die Übersichtsarbeit beschreibt ctDNA daher als vielversprechenden komplementären Biomarker, dessen klinischer Stellenwert insbesondere durch prospektive Studien mit standardisierten Testverfahren und ctDNA-gesteuerten Therapieentscheidungen weiter definiert werden muss.
Quelle:
Am J Clin Dermatol. 2026 Jul 3. http://doi.org/10.1007/s40257-026-01056-9
Circulating Tumor DNA as a Biomarker for Melanoma Prognosis and Therapy.
Heidrich I, Urhahn S, Gebhardt C, Smit DJ, Pantel K.
Nov. 05 2026
ALK1-negatives epitheloides Histiozytom trotz SQSTM1::ALK-Fusion: diagnostische Fallstricke der Immunhistochemie (NEWSBLOG 2026)
Das epitheloide Histiozytom (epithelioid cell histiocytoma, ECH) wurde traditionell als seltene Variante des fibrösen Histiozytoms eingeordnet. Der inzwischen häufige Nachweis von ALK-Rearrangements spricht jedoch dafür, dass zumindest ein wesentlicher Teil dieser Tumoren eine biologisch eigenständige Entität darstellt. Ein aktueller Fallbericht verdeutlicht dabei einen wichtigen diagnostischen Fallstrick: Eine negative beziehungsweise aberrante ALK-Immunhistochemie schließt eine ALK-Genfusion nicht zuverlässig aus. Aufgrund der epitheloiden Morphologie besitzt das ECH ein breites histopathologisches Differenzialdiagnosespektrum, das unter anderem melanozytäre Tumoren, fibröse Histiozytome, Retikulohistiozytome und andere Nicht-Langerhans-Zell-Histiozytosen, atypische Fibroxanthome sowie in entsprechender Konstellation Rhabdomyosarkome umfasst. Viele ECH weisen eine ALK-Überexpression infolge einer ALK-Rearrangierung auf; zu den beschriebenen Fusionspartnern gehören insbesondere SQSTM1 und VCL. Im vorliegenden Fall führten die ungewöhnliche Morphologie und das aberrante immunhistochemische Profil zu einer weiterführenden molekularen Untersuchung mittels Next-Generation-Sequencing (NGS). Dabei wurde trotz fehlender ALK1-Immunreaktivität eine SQSTM1::ALK-Fusion nachgewiesen. SQSTM1 kodiert für p62, ein an Signaltransduktion und Autophagie beteiligtes Protein, während die ALK-Rearrangierung eine aberrante Kinaseaktivität vermitteln kann. Der Fall unterstreicht damit die Grenzen einer ausschließlich immunhistochemischen Diagnostik: Bei morphologisch überzeugendem Verdacht auf ein ECH sollte ein negativer ALK-Befund insbesondere bei ungewöhnlichem Immunphänotyp nicht vorschnell gegen die Diagnose gewertet werden. Eine molekulare Untersuchung kann in diagnostisch schwierigen Fällen eine kryptische ALK-Fusion aufdecken und die Einordnung des Tumors ermöglichen. Da es sich um einen einzelnen Fall handelt, lässt sich daraus allerdings nicht ableiten, wie häufig ALK-immunhistochemisch negative, aber molekular ALK-rearrangierte ECH tatsächlich vorkommen.
Quelle:
Am J Dermatopathol. 2026 Jul 28. http://doi.org/10.1097/DAD.0000000000003389
ALK1-Negative Epithelioid Histiocytoma: Lessons From a Rare Case.
Hong J, Gizaw NB, Thieu TM, Kominick C, Helm TN, Helm KF.
Nov. 04 2026
Kutane Oxalose als wichtige Differenzialdiagnose der Kalziphylaxie (NEWSBLOG 2026)
Die kutane Oxalose ist eine seltene Manifestation der primären Hyperoxalurie und kann insbesondere bei fortgeschrittener Niereninsuffizienz klinisch eine Kalziphylaxie imitieren. Ein aktueller Fallbericht verdeutlicht die diagnostischen Schwierigkeiten und unterstreicht die Bedeutung der Histopathologie einschließlich der Untersuchung im polarisierten Licht.
Beschrieben wird eine 46-jährige Patientin mit primärer Hyperoxalurie Typ 1 (PH1), die mit Lumasiran behandelt wurde. Diese small-interfering-RNA-Therapie hemmt durch gezielten Abbau der HAO1-mRNA die Bildung der Glykolatoxidase und reduziert dadurch die hepatische Oxalatproduktion. Trotz einer als stabil eingeschätzten metabolischen Kontrolle entwickelte die Patientin Hautveränderungen, die klinisch zunächst als Kalziphylaxie interpretiert wurden.
Wiederholte Hautbiopsien ergaben jedoch eine kutane Oxalose. Diagnostisch entscheidend ist der Nachweis von Calciumoxalatkristallen im Gewebe. Diese können bei konventioneller histologischer Beurteilung übersehen oder mit anderen Ablagerungen verwechselt werden; unter polarisiertem Licht zeigen sie eine charakteristische starke Doppelbrechung. Gerade bei Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz ist die Unterscheidung von der Kalziphylaxie von Bedeutung, da sich Pathogenese und therapeutisches Vorgehen grundlegend unterscheiden.
Der Fall zeigt zudem, dass eine Behandlung der primären Hyperoxalurie mit Lumasiran eine kutane Oxalatablagerung nicht mit Sicherheit ausschließt. Bei Patienten mit PH1 und kalziphylaxieähnlichen Hautveränderungen sollte daher auch bei vermeintlich guter metabolischer Kontrolle gezielt an eine kutane Oxalose gedacht werden. Die klinische Verdachtsdiagnose sollte histopathologisch überprüft und das Biopsiematerial bei entsprechender Konstellation ausdrücklich im polarisierten Licht beurteilt werden. Da es sich um einen einzelnen Fall handelt, lassen sich aus der Beobachtung jedoch keine Aussagen zur Häufigkeit kutaner Oxalose unter Lumasiran oder zu einem möglichen Therapieversagen ableiten.
Quelle:
J Cutan Pathol. 2026 Jul 13. http://doi.org/10.1111/cup.70177
Histopathologic Characterization of Cutaneous Oxalosis Mimicking Calciphylaxis: Diagnostic Pitfalls and Polarized Light Evaluation.
Patel S, Graham B, Reaves K, Phelps M.
Nov. 03 2026
Reaktive granulomatöse Dermatitis als mögliches paraneoplastisches Zeichen (NEWSBLOG 2026)
Die reaktive granulomatöse Dermatitis (RGD) bezeichnet ein Spektrum entzündlicher Hautreaktionen, zu dem insbesondere die interstitielle granulomatöse Dermatitis (IGD), die palisadenförmige neutrophile und granulomatöse Dermatitis (PNGD) sowie die interstitielle granulomatöse Arzneimittelreaktion (IGDR) gezählt werden. Häufig bestehen Assoziationen mit Autoimmunerkrankungen oder Medikamenten. Eine aktuelle Übersichtsarbeit lenkt die Aufmerksamkeit auf eine weitere wichtige Konstellation: RGD kann auch als paraneoplastisches Phänomen auftreten.
Klinisch manifestiert sich RGD typischerweise mit erythematösen Papeln, Plaques oder Knoten, häufig in symmetrischer Verteilung. Prädilektionsstellen sind unter anderem die Innenseiten von Armen und Oberschenkeln, Flanken, Unterbauch und intertriginöse Areale wie die Axillen. Das klinische Erscheinungsbild ist jedoch variabel und erlaubt für sich allein meist keine sichere Diagnose.
Auch histopathologisch besteht ein Spektrum überlappender Reaktionsmuster. Bei der IGD finden sich charakteristischerweise interstitiell angeordnete Histiozyten und lymphozytäre Infiltrate, teilweise mit mehrkernigen Riesenzellen. Die Diagnose sollte daher nicht allein anhand einzelner histologischer Merkmale gestellt werden, sondern erfordert eine klinisch-pathologische Korrelation und die Einordnung möglicher Grunderkrankungen oder auslösender Medikamente.
Besondere Bedeutung hat die mögliche Assoziation mit malignen Erkrankungen. Paraneoplastische Formen der IGD wurden unter anderem bei myelodysplastischen Syndromen und Leukämien sowie bei soliden Malignomen, beispielsweise der Mamma und der Lunge, beschrieben. In Einzelfällen können die Hautveränderungen einer Diagnose der zugrunde liegenden Neoplasie vorausgehen und damit einen Hinweis auf eine bislang nicht erkannte systemische Erkrankung liefern.
Allerdings ist RGD kein spezifischer Tumormarker. Aufgrund der häufigeren Assoziation mit entzündlich-rheumatologischen Erkrankungen und Medikamenten rechtfertigt die Diagnose nicht automatisch eine umfassende ungezielte Tumorsuche. Bei fehlender plausibler Ursache, zusätzlichen klinischen oder laborchemischen Auffälligkeiten oder therapieresistentem beziehungsweise ungewöhnlichem Verlauf sollte eine zugrunde liegende maligne Erkrankung jedoch differenzialdiagnostisch berücksichtigt werden.
Kortikosteroide können die kutanen Manifestationen symptomatisch bessern. Bei einer tatsächlich paraneoplastischen RGD steht jedoch die Behandlung der zugrunde liegenden Neoplasie im Vordergrund. Für Dermatologen ist die RGD damit nicht nur ein histopathologisches Reaktionsmuster, sondern in ausgewählten klinischen Konstellationen auch ein mögliches kutanes Signal einer systemischen Erkrankung.
Quelle:
Clin Dermatol. 2026 Jul 27. http://doi.org/10.1016/j.clindermatol.2026.07.023
Reactive granulomatous dermatitis as a paraneoplastic phenomenon.
Afvari S, Aifuwa E, Grant-Kels JM.
Nov. 01 2026
Frühe Hautbiopsien bei Melanomverdacht: geringere Kosten und weniger psychische Belastung (NEWSBLOG 2026)
Bei klinischem Melanomverdacht kann die Entscheidung zur frühzeitigen (Exzisions-)Biopsie nicht nur prognostisch, sondern auch gesundheitsökonomisch relevant sein. Eine aktuelle Übersichtsarbeit stellt die vergleichsweise geringen Kosten diagnostischer Hautbiopsien den erheblichen Aufwendungen gegenüber, die bei fortgeschrittenen Melanomen durch umfangreichere operative und insbesondere moderne systemische Therapien entstehen.
Als Beispiel führen die Autoren Daten eines großen Gesundheitssystems an, nach denen ein Hautkrebsscreening einschließlich Untersuchung und Biopsie durchschnittlich 150 US-Dollar kostete. Davon entfielen 105 US-Dollar auf die ärztliche Untersuchung und 45 US-Dollar auf die Biopsie. Demgegenüber haben sich die Behandlungskosten fortgeschrittener Melanome mit Einführung moderner Immuntherapien erheblich erhöht. Für Patienten mit Melanom im Stadium IV stiegen die durchschnittlichen Behandlungskosten im ersten Jahr von 47.739 US-Dollar im Zeitraum 2007–2012 auf 117.450 US-Dollar in den Jahren 2018–2019.
Damit relativieren sich auch die zusätzlichen Kosten einer niedrigeren Schwelle zur histologischen Abklärung suspekter Läsionen. Zwar führen häufigere Operationen zwangsläufig auch zur Entfernung zahlreicher benigner Läsionen und verursachen entsprechende Kosten und Morbidität. Diesen Aufwendungen stehen jedoch die potenziell wesentlich höheren Kosten eines erst im fortgeschrittenen Stadium diagnostizierten Melanoms gegenüber. Die Autoren verweisen ergänzend auf Dermatoskopie, Teledermatoskopie und strukturierte Früherkennungsstrategien als Möglichkeiten, die diagnostische Effizienz zu verbessern.
Neben ökonomischen Aspekten spielt die Krankheitsbelastung eine Rolle. Patienten mit früh diagnostiziertem Melanom weisen in den ausgewerteten Untersuchungen eine höhere Lebensqualität sowie geringere Angst- und Depressionsbelastung auf als Patienten mit fortgeschrittener Erkrankung.
Die Arbeit unterstützt damit das Prinzip einer frühzeitigen diagnostischen Abklärung klinisch oder dermatoskopisch suspekter Läsionen. Entscheidend bleibt eine ausreichend hohe diagnostische Treffsicherheit, um Melanome früh zu erkennen und gleichzeitig unnötige Exzisionen zu begrenzen.
Quelle:
Cutis. 2026;117(5):E4-E5. http://doi.org/10.12788/cutis.1407
A Cost-Effectiveness and Psychological Evaluation of Early Skin Biopsies vs Later-Onset Surgeries in Melanoma Management.
Verma KK, Panchal SS, Friedmann DP, Tarbox MB, Leachman SA.
Okt. 31 2026
Hochdosiertes Vitamin D bei kutanen Nebenwirkungen von Chemo- und Strahlentherapie (NEWSBLOG 2026)
Schwere kutane Nebenwirkungen einer Chemo- oder Strahlentherapie können eine Unterbrechung der onkologischen Behandlung erforderlich machen. Hochdosiertes Vitamin D wird aufgrund möglicher rascher immunmodulatorischer Effekte als unterstützende Therapie diskutiert. Eine multizentrische Fallserie untersuchte nun den Einsatz bei toxischem Erythem der Chemotherapie (TEC) und akuter Strahlendermatitis.
Ausgewertet wurden 33 Patienten aus drei akademischen Zentren, die zwischen Dezember 2021 und Januar 2024 eine oder zwei orale Einzeldosen von jeweils 100.000 I.E. Cholecalciferol oder Ergocalciferol erhalten hatten. Bei 28 Patienten (85 %) lag ein TEC, bei fünf (15 %) eine akute Strahlendermatitis vor.
Innerhalb von zehn Tagen berichteten 26 von 30 auswertbaren Patienten (87 %) über eine subjektive Besserung. Die mediane Zeit bis zur Verbesserung betrug fünf Tage, bei stationär behandelten Patienten drei Tage. Auch objektiv zeigte sich eine deutliche Abnahme der Hautentzündung: Der mittlere Erythem-Score auf einer fünfstufigen Likert-Skala sank von 4,36 zu Behandlungsbeginn auf 2,21 bis Tag 10.
Besonders rasche Verbesserungen wurden bei Patienten mit neutrophiler ekkriner Hidradenitis sowie Stevens-Johnson-Syndrom-/toxische-epidermale-Nekrolyse-ähnlichen Formen des TEC beobachtet. Klinisch relevant war zudem, dass 24 der 33 Patienten (73 %) ihre antineoplastische Therapie ohne Unterbrechung fortsetzen konnten.
Unter der hochdosierten Vitamin-D-Gabe wurden keine relevanten Veränderungen der Serum-Calciumkonzentration und keine behandlungsbedingten unerwünschten Ereignisse dokumentiert. Dies ist angesichts der ungewöhnlich hohen Einzeldosis von 100.000 I.E. bemerkenswert, erlaubt aufgrund der kleinen Fallzahl und der begrenzten Nachbeobachtung jedoch keine generelle Aussage zur Sicherheit einer solchen Dosierung.
Die Ergebnisse liefern ein interessantes Signal für eine einfach durchführbare supportive Therapie in der Onkodermatologie. Eine kausale Wirksamkeit lässt sich aus der retrospektiven Fallserie ohne Kontrollgruppe allerdings nicht ableiten. Insbesondere können Spontanverlauf, begleitende Therapiemaßnahmen und Veränderungen der onkologischen Behandlung die beobachtete Besserung beeinflusst haben. Kontrollierte prospektive Studien sind daher erforderlich, bevor hochdosiertes Vitamin D als Standardtherapie bei TEC oder akuter Strahlendermatitis empfohlen werden kann.
Quelle:
JAMA Dermatol. 2026 Jul 15. http://doi.org/10.1001/jamadermatol.2026.2267
High-Dose Oral Vitamin D for Toxic Effects of the Skin Associated With Chemotherapy and Radiation.
Patil MK, Sakunchotpanit G, Toulmin SA, Braun N, Milosavljevic S, Ezzeddine FL, Rohan TZ, Wyant WA, Guggina LM, Nambudiri VE, Iriarte C.
Okt. 30 2026
Trichophyton indotineae breitet sich in der Schweiz aus: SQLE-Mutationen bestimmen die Therapie (NEWSBLOG 2026)
Trichophyton indotineae hat sich in den vergangenen Jahren zu einem wichtigen Erreger chronischer und schwer behandelbarer Dermatophytosen entwickelt. Charakteristisch ist die zunehmende Terbinafinresistenz, die häufig durch Mutationen im Gen der Squalenepoxidase (SQLE), der Zielstruktur von Terbinafin, verursacht wird. Eine Schweizer Studie untersuchte nun die Entwicklung der Infektionen, Resistenzmechanismen und Therapieergebnisse über mehr als zehn Jahre.
Am Universitätsspital Zürich wurden 35 Fälle aus den Jahren 2014 bis 2024 klinisch ausgewertet. Für 31 Isolate erfolgten eine antimykotische Empfindlichkeitsprüfung und eine Sequenzierung des SQLE-Gens. Zusätzlich wurden SQLE-Daten bis Ende 2025 berücksichtigt. Die Fallzahlen nahmen insbesondere in den letzten Jahren deutlich zu.
Bei 20 von 31 untersuchten Isolaten (65 %) wurden SQLE-Mutationen gefunden. Unter Einbeziehung der Daten bis Ende 2025 waren bereits 55 von 69 Isolaten (80 %) betroffen. Zu den häufigsten Veränderungen gehörten F397L, L393S und A448T. Besonders deutlich zeigte sich der Zusammenhang mit der Terbinafinempfindlichkeit: Isolate mit SQLE-Mutationen hatten eine mediane minimale Hemmkonzentration (MHK) für Terbinafin von 8 µg/ml gegenüber lediglich 0,008 µg/ml bei Wildtyp-Isolaten – ein Unterschied um den Faktor 1000.
Die molekularen Unterschiede hatten unmittelbare klinische Konsequenzen. Patienten mit SQLE-mutierten Stämmen benötigten im Median 11,5 Wochen systemische Therapie gegenüber 3,5 Wochen bei Infektionen durch Wildtyp-Stämme. Bei mutierten Isolaten war häufig Itraconazol zur Eradikation erforderlich, während Wildtyp-Infektionen auf Terbinafin ansprachen. Rezidive traten bei etwa einem Drittel der Patienten auf, konnten jedoch in der Regel durch erneute Behandlung kontrolliert werden.
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass der Nachweis von T. indotineae allein zunehmend nicht ausreicht, um die optimale Therapie festzulegen. Die Bestimmung der antimykotischen Empfindlichkeit und insbesondere die SQLE-Genotypisierung können eine individualisierte Therapie ermöglichen. Terbinafin bleibt bei SQLE-Wildtyp-Stämmen eine wirksame Option, während Itraconazol in dieser Untersuchung bei SQLE-mutierten und damit häufig terbinafinresistenten Isolaten die zuverlässigere Therapie darstellte.
Die Schweizer Daten dokumentieren zugleich, dass T. indotineae und die damit verbundene Terbinafinresistenz inzwischen auch in Mitteleuropa klinisch relevant sind. Bei ausgedehnten, rezidivierenden oder unter Terbinafin persistierenden Dermatophytosen sollte daher gezielt an diesen Erreger und eine mögliche SQLE-vermittelte Resistenz gedacht werden.
Quelle:
J Dtsch Dermatol Ges. 2026 Jul 9. http://doi.org/10.1111/ddg.70394
Emergence of Trichophyton indotineae in Switzerland (2014-2025): Clinical analysis and antifungal susceptibility.
Lechner AH, Arnold DD, Bosshard PP.
Okt. 29 2026
BAP1-inaktivierte Melanozytome versus Melanome: neue diagnostische Kriterien (NEWSBLOG 2026)
BAP1-inaktivierte Melanozytome sind melanozytäre Tumoren intermediärer Dignität, deren Abgrenzung von BAP1-inaktivierten Melanomen histopathologisch schwierig sein kann. Kernatypien, expansives Wachstum und Mitosen können auch bei Melanozytomen auftreten und damit den Verdacht auf ein Melanom erwecken. Eine aktuelle Studie untersuchte, welche morphologischen und molekularen Merkmale für die Unterscheidung besonders hilfreich sind.
Verglichen wurden 20 BAP1-inaktivierte Melanome mit 23 BAP1-inaktivierten Melanozytomen. Für 17 der Melanomfälle lagen klinische Verlaufsdaten vor. Entscheidend war dabei die Suche nach Merkmalen mit hoher Spezifität, da BAP1-inaktivierte Melanozytome wesentlich häufiger sind und einzelne atypische histologische Befunde für sich genommen keine Melanomdiagnose rechtfertigen.
Vier morphologische Merkmale fanden sich in dieser Serie ausschließlich bei BAP1-inaktivierten Melanomen: Ulzeration, Tumornekrose, Infiltration der Subkutis und eine Mitoseaktivität von mindestens 4/mm². Diese Befunde können daher bei diagnostisch grenzwertigen BAP1-inaktivierten Tumoren wichtige Hinweise auf Malignität liefern. Umgekehrt bedeutet ihr Fehlen jedoch nicht zwangsläufig einen Ausschluss eines Melanoms.
Auch molekular zeigten sich deutliche Unterschiede. BAP1-inaktivierte Melanome wiesen durchschnittlich 6,6 pathogene Varianten auf, BAP1-inaktivierte Melanozytome lediglich 2,4. Die Tumormutationslast war mit 31,2 gegenüber 7,8 Mutationen/Mb ebenfalls signifikant höher. Pathogene Veränderungen des TERT-Promotors, von CDKN2A, CDK4 und MYC sowie Veränderungen des SWI/SNF-Komplexes und des PI3K-AKT-Signalwegs wurden ausschließlich bei den Melanomen nachgewiesen.
Die Ergebnisse unterstützen damit einen integrativen diagnostischen Ansatz. Insbesondere Ulzeration, Nekrose, subkutane Invasion und eine erhöhte Mitoseaktivität sollten bei einem BAP1-inaktivierten melanozytären Tumor den Verdacht auf ein Melanom deutlich erhöhen. Bei morphologisch nicht eindeutig klassifizierbaren Läsionen können zusätzliche molekulare Veränderungen – insbesondere TERT-Promotor- oder CDKN2A-Alterationen – weitere Argumente für eine maligne Einstufung liefern.
Aufgrund der begrenzten Fallzahlen sollten die genannten Kriterien allerdings noch nicht als isolierte definitive Schwellenwerte verstanden werden. Die Studie liefert vielmehr wichtige morphologische und molekulare Anhaltspunkte für die diagnostisch besonders anspruchsvolle Abgrenzung zwischen BAP1-inaktiviertem Melanozytom und BAP1-inaktiviertem Melanom.
Quelle:
Am J Dermatopathol. 2026 Jul 23. http://doi.org/10.1097/DAD.0000000000003390
Morphologic and Molecular Differences of BAP1 Melanocytomas and BAP1 Inactivated Melanomas.
Gerami P, Braat J, Holic LJ, Trichy NS, Olivares S, Busam KJ.
Okt. 28 2026
Typ-2-Inflammation bei Morbus Hailey-Hailey: IL-4 und IL-13 als mögliche therapeutische Zielstrukturen (NEWSBLOG 2026)
Morbus Hailey-Hailey ist eine seltene autosomal-dominant vererbte Dermatose, die durch pathogene Varianten im ATP2C1-Gen verursacht wird. Die gestörte intrazelluläre Calciumhomöostase beeinträchtigt die Adhäsion der Keratinozyten und führt zur charakteristischen suprabasalen Akantholyse. Zunehmend gibt es jedoch Hinweise darauf, dass neben diesem genetisch bedingten Strukturdefekt auch entzündliche Mechanismen wesentlich zur Krankheitsaktivität beitragen könnten.
Eine aktuelle Studie untersuchte insbesondere die Bedeutung der Typ-2-Zytokine IL-4 und IL-13. Mittels Immunhistochemie wurde läsionale Haut von sieben Patienten mit Morbus Hailey-Hailey mit Proben von sechs Patienten mit atopischer Dermatitis sowie vier gesunden Kontrollen verglichen. Die Kontrollproben waren hinsichtlich Alter, Geschlecht und anatomischer Lokalisation angepasst.
In der Epidermis der Hailey-Hailey-Läsionen war die IL-4-Expression gegenüber gesunder Haut signifikant erhöht. Im Mittel wurden 3966 gegenüber 808 positiven Zellen/mm² nachgewiesen. Noch ausgeprägter war der Unterschied für IL-13 in der Dermis mit durchschnittlich 5288 gegenüber 629 Zellen/mm². Interessanterweise bestanden hinsichtlich der untersuchten Zytokine keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen Morbus Hailey-Hailey und atopischer Dermatitis.
Die Ergebnisse sprechen dafür, Morbus Hailey-Hailey nicht ausschließlich als Folge einer genetisch determinierten Störung der Keratinozytenadhäsion zu betrachten. Eine verstärkte IL-4-/IL-13-vermittelte Entzündungsreaktion könnte den Barrieredefekt und die klinische Krankheitsaktivität zusätzlich beeinflussen. Dies liefert zugleich eine pathophysiologische Erklärung für publizierte Therapieerfolge mit Dupilumab, das über die Blockade der IL-4-Rezeptor-α-Untereinheit die Signalübertragung sowohl von IL-4 als auch von IL-13 hemmt. Auch JAK-Inhibitoren könnten aufgrund der Beteiligung entsprechender intrazellulärer Signalwege therapeutisch interessant sein.
Die Daten sind aufgrund der sehr kleinen Fallzahl und des retrospektiven immunhistochemischen Studiendesigns allerdings zunächst als mechanistischer Hinweis zu bewerten. Sie belegen weder, dass Typ-2-Inflammation die primäre Ursache des Morbus Hailey-Hailey darstellt, noch unmittelbar die klinische Wirksamkeit einer gezielten Zytokinblockade. Vielmehr unterstützen sie ein Modell, bei dem der ATP2C1-bedingte Strukturdefekt durch sekundäre inflammatorische Prozesse verstärkt werden könnte. Prospektive klinische Studien müssen zeigen, ob sich daraus eine verlässliche zielgerichtete Therapiestrategie ableiten lässt.
Quelle:
J Cutan Pathol. 2026 Jul 6. http://doi.org/10.1111/cup.70156
Elevated IL-4 and IL-13 Expression in Hailey-Hailey Disease: Evidence for Th2-Mediated Pathogenesis and Targeted Treatment.
Gaumond SI, Soto V, Abujamra BA, Rongioletti F, McGrath JA, Jozic I, Romanelli P.